Valentina Daschkewitsch und Jurij Wazkel am GAG

Valentina Daschkewitsch und Jurij Wazkel am GAG

Sie haben die Reaktor-Katastrophe in Tschernobyl aus unmittelbarer Nähe erlebt. Als Valentina Daschkewitsch und Jurij Wazkel darüber im Graf-Adolf-Gymnasium berichten, schweigen die Schüler betroffen. Das, was sie hören, erscheint ihnen teilweise unglaublich.

Jurij Wazkel spricht leise, bedächtig, lässt der Dolmetscherin Zeit, fährt fort, erinnert sich, antwortet auf Fragen. „Das ist nicht wahr“, war sein erster Gedanke, als er von dem Reaktorunglück in Tschernobyl erfuhr. Auf den Tag genau 30 Jahre ist das am Dienstag, her, doch der 59-Jährige weiß es noch, als wäre es gestern gewesen. An den Folgen der Nuklearkatastrophe leidet er bis heute. „Und es wird nicht besser“, erklärt Wazkel, der seitdem auf Medikamente angewiesen ist.

Genauso wie Valentina Daschkewitsch, die damals mit ihrer Familie 60 Kilometer von dem Atomkraftwerk entfernt lebte. Gemeinsam mit der 58-Jährigen ist Wazkel, der als Reservist der sowjetischen Armee sechs Wochen lang vor Ort Trümmer und Schutt beseitigte, zum 30. Jahrestag im Graf-Adolf-Gymnasium zu Gast, um dem Super-GAU ein Gesicht zu geben, um aus erster Hand zu berichten.

Das Gespräch mit den beiden Zeitzeugen im Rahmen der Europäischen Aktionswochen „Für eine Zukunft nach Tschernobyl und Fukushima“ des Internationalen Bildungs- und Begegnungswerkes ist eins von zahlreichen Angeboten des Projekttages, den das Gymnasium als Unesco-Projektschule alle zwei Jahre am 26. April durchführt.

Das Interesse an dem Austausch mit Daschkewitsch und Wazkel ist groß, deshalb werden der Fachvortrag von Reinhard Jansing von der Ibbenbürener Initiative „Den Kindern von Tschernobyl“ und die Begegnung der beiden mit den Jugendlichen kurzerhand in die Mensa verlegt. „30 waren ursprünglich angedacht, jetzt sind es knapp 150“, freut sich Klaus Hefner, Lehrer und Unesco-Schulkoordinator am GAG, über die tolle Resonanz.

Obwohl sich so viele Schüler im Raum drängeln, ist es mucksmäuschenstill, als Valentina von einem sonnigen Tag und dem Regen aus einer schwarzen Wolke erzählt, von der Ahnungslosigkeit der Bevölkerung, die erst Tage später darüber informiert wurde, was passiert war. Sie spricht von Kindern, die aus der Sperrzone evakuiert und für viele Monate von ihren Eltern getrennt wurden.

Nur zwei Minuten am Stück durften Jurij und seine Leute auf dem zerstörten Reaktor aufräumen. Die Roboter, die das erledigen sollten, versagten wegen der starken radioaktiven Strahlung, die Menschen jedoch arbeiteten – ohne besondere Schutzkleidung. „Das war nur Pflichterfüllung“, erklärt er den Schülern.

Gebannt verfolgen die Jugendlichen die Berichte der Zeitzeugen, fragen gut informiert und sehr sensibel nach, möchten wissen, wie die beiden heute zur Atomkraft stehen.

Die Antworten überraschen nicht. Der Mensch sei noch nicht soweit, die Wissenschaft und Technik zu beherrschen, findet Jurij, und Valentina macht sich Sorgen, weil in 2017 wieder ein Atomkraftwerk ganz in der Nähe von Minsk, wo sie heute lebt, ans Netz geht. „Aus wirtschaftlichen Gründen“, weiß sie, die lieber in Armut leben möchte, als sich um ihre Kinder und Enkel sorgen zu müssen.

Zum 24. Mal erwartet die Initiative „Den Kindern von Tschernobyl“ in diesem Sommer Kinder und Jugendliche aus Weißrussland zur Erholung in Ibbenbüren und Umgebung. „Auch 30 Jahre nach Tschernobyl ist die Radioaktivität geblieben“, machte Nadja Raisch die große Bedeutung des Urlaubs in gesunder Luft deutlich und warb bei den GAG-Schülern eindringlich um Gastfamilien für die zwei Wochen vom 17. bis 31. Juli.

Dietlind Ellerich, WN