Treffen 70 Jahre nach dem Abitur in Tecklenburg

Treffen 70 Jahre nach dem Abitur in Tecklenburg

Kleider von schlichter Eleganz für die Damen, dunkle Anzüge mit weißem Hemd und Krawatte für die Herren: Die Abiturientia des Jahrgangs 1956 hatte sich fein herausgeputzt für den Tag der Zeugnisübergabe. Und dieser jährte sich nun zum 70. Mal. Zeit also für ein Klassentreffen der besonderen Art.
Brigitte Beyer-Kisker, Horst Jäger und Professor Dr. Günther Sokoll gehörten zu den 13 Schülerinnen und Schülern, die die Oberprima 1a am Graf-Adolf-Gymnasium damals erfolgreich abgeschlossen haben. „Unser Abitur hat heute Geburtstag“, freute sich Horst Jäger beim Zusammentreffen in einem Klassenraum des Gymnasiums, in dem sie nicht nur Kaffee und Kuchen, sondern auch jede Menge Erinnerungen erwarteten. Dafür hatten Schulleiterin Evelyn Futterknecht und ihre Kolleginnen Dr. Monika Höhl und Ulrike Lausberg gesorgt.
Es war fünf Jahre nach Kriegsende, als die jungen Leute – nach einer schweren Aufnahmeprüfung – in die siebte Klasse des Gymnasiums kamen und dort nach sechs Jahren ihr Abitur bestanden. „Wir kamen damals in ein Gebäude, das uns völlig fremd war, mit völlig fremden Lehrpersonen“, erinnert sich Horst Jäger. „Doch das waren auch nur Menschen.“
Doch da waren natürlich nicht nur die Lehrer, es gab auch einen Hausmeister, an den sich Brigitte Beyer-Kisker gut erinnern kann – beziehungsweise an einen Satz von ihm: „Na, Kleine, für Dich werden wir wohl eine Extra-Bank bauen müssen“, habe er angesichts ihrer etwas kleineren Statur gesagt.
Die drei ehemaligen GAG-Schüler erinnern sich auch noch, wie es war, in der Oberprima, der letzten Klasse vor dem Abitur, zu sein. „Oberprima, das war ein Wort, das wir sehr schätzten, waren wir doch oben angekommen.“ Und nun waren sie wieder da, an ihrer einstigen Wirkungsstätte. Wer Horst Jäger kennt, weiß, dass solch ein Treffen nicht ohne Musik vonstatten geht.
Der frühere Konrektor der Tecklenburger Hauptschule und ausgebildete Organist freute sich, dass extra ein Flügel aufgestellt worden war. Der 89-Jährige, der am 1. September 90 Jahre alt wird, griff gerne in die Tasten. Die Melodien „Freude schöner Götterfunken“ und „Viel Glück und viel Segen“ erklangen und zur Freude des Musikers sangen alle mit. Mit diesen Liedern sollte auch der zehn damaligen Klassenkameraden gedacht werden, die nicht mehr beim Jubiläum dabei sein konnten.
Und dann tauchten sie ein in die Erinnerungen. Zur Freude der drei hatte Dr. Monika Höhl drei Aktenordner mitgebracht, alle aus dem Jahr 1956. Der Inhalt: die damaligen Abiturklausuren, natürlich im Original, mit Noten und Anmerkungen der prüfenden Lehrpersonen. Außerdem waren Kopien der Zeugnisse und Gutachten abgeheftet. Da durfte jeder der drei noch einmal nachschauen, was er und sie in den Fächern Deutsch, Englisch, Latein oder Mathematik geleistet hatte. Das Thema der Deutsch-Klausur lautete damals „Welche Verpflichtungen ergeben sich aus dem Besuch einer höheren Schule?“ Eine Frage, die heute wohl niemand in einer Abi-Klausur stellen würde.
Während Brigitte Beyer-Kisker und Horst Jäger weiterhin im Tecklenburger Land leben, hat es Professor Dr. Günther Sokoll in die Ferne gezogen. Der promovierte Jurist war unter anderem Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der gewerblichen Berufsgenossenschaften und später Gründungsdekan des neuen Fachbereichs Sozialversicherung an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.
Gebürtig stammt er aus Ostpreußen und kam 1947 nach der Flucht nach Lengerich, wo er auch die damalige Stadtschule besuchte. Nach der fünften Klasse (damals gab es noch sieben Jahrgänge) ist er bereits direkt am Tecklenburger Gymnasium aufgenommen worden. Er erzählte von seiner damaligen beengten Wohnsituation und davon, dass die westdeutsche Gesellschaft die ostdeutschen Flüchtlinge nicht gerade willkommen geheißen habe. Doch eines versicherte er trotzdem: „Wir waren extrem glücklich, weil wir ein Dach über dem Kopf hatten und zur Schule gehen durften.“
In Tecklenburg hat er sich weitaus wohler gefühlt als in Lengerich. „Tecklenburg war vom historischen, baulichen, landschaftlichen und kulturellen Gesamtbild weitaus attraktiver als eine mittelständische Industriestadt wie Lengerich“. Die sechs Jahre am Gymnasium seien eine kompakte, persönlich sehr ausfüllende Zeit gewesen. „Wir waren Schüler wie die anderen, aber eben auch Flüchtlinge“, fügt er hinzu.
Erinnerungen wie diese, aber auch viele, über die es sich trefflich schmunzeln lässt, gab es an diesem Donnerstag im Graf-Adolf-Gymnasium, dem Horst Jäger noch einmal dankte für „die vorbildlichen Bildungsjahre“.
Den drei früheren Schulkameraden, die sich immer noch herzlich verbunden sind, war anzumerken, dass es ein ganz besonderes Klassentreffen war. Und sie blicken auf den aktuellen Abi-Jahrgang, dem sie gute Ziele und Zukunftserwartungen in einer friedlichen Welt wünschen.

von Ruth Jacobus

Übernahme mit freundlicher Genehmigung der WN