Tecklenburger Gespräch
„Über die Aktualität des heutigen Themas brauche ich nichts zu sagen“, begrüßte Pfarrer Günter Witthake die über 30 Zuhörer und den Referenten im evangelischen Gemeindehaus. Auf der Veranstaltung der evangelischen Kirchengemeinde Tecklenburg und der katholischen Kirchengemeinde Seliger Niels Stensen lud Dr. Jochen Reidegeld mit seinen Vortragsimpulsen zum Bereich „Friedensethik nach der Zeitenwende“ zum Gespräch ein.
In Vertretung für den Bischof von Essen, Dr. Franz-Josef Overbeck, der seit 2011 auch Militärbischof ist, sprach Dr. Jochen Reidegeld über ein Thema, „das jeden Tag drängender“ werde. Er sehe sich dabei aber nicht „als Megafon des Bischofs und Welterklärer“, denn in friedensethischen Fragestellungen gebe es „keine einfachen Lösungen“ und oft löse „eine Frage zwei bis drei Folgefragen aus“.
Der Priester des Bistums Münster ist der stellvertretende Leiter vom Institut für Theologie und Frieden in Hamburg, einer wissenschaftlichen Forschungseinrichtung der Katholischen Kirche in Trägerschaft der Katholischen Militärseelsorge zum Zweck der ethischen Auseinandersetzung mit Fragen des Friedens und der Friedensgefährdungen. Diese Einrichtung stehe zudem in einem engen Austausch mit dem Zentrum für ethische Bildung in den Streitkräften.
Reidegeld schnitt viele verschiedene Themenaspekte zur Friedensethik an. So sei der Angriff Israels und der USA auf den Iran „aus Sicht des Instituts glasklar ein völkerrechtswidriger Angriff“. Der Experte berichtete von seinen Erfahrungen aus der Nahostregion, ist er doch seit 2015 nicht nur im Irak und in Kuweit aktiv. Er bezeichnete den Iran daher auch als „Regionalmacht, die zu Unruhe und Konflikten beigetragen hat und daher immer auch ein Aggressor gewesen ist“.
„Bedenke das Ende!“ – Dieser Leitspruch könne eine friedensethische Richtschnur nicht nur bei allen kriegerischen Handlungen sein, so Dr. Jochen Reidegeld. Für ihn sei „eine ethische verantwortliche Politik, die den Leitlinien der Friedensethik folgt, die effektivere Politik“. Es müsse beispielsweise unterschieden werden, ob der Angreifer militärische oder zivile Ziele attackiert oder gar sexuelle Gewalt gegen die Bevölkerung als strategisches Mittel einsetze.
Mit Blick auf den Ukrainekonflikt beleuchtete die Runde mit Beiträgen aus dem Publikum den Werdegang Putins und die historischen Entwicklungen nach dem Ende des Kalten Krieges. „Putin hatte von Beginn an einen Masterplan“, konstatierte Reidegeld, „wobei Russland die Sowjetunion für sich in Anspruch nimmt, aber die Sowjetunion nicht bloß Russland war“.
In einer Vortragspause konnten sich alle Teilnehmer die Leckereien vom Abiturjahrgang 2027 des Graf-Adolf-Gymnasiums (GAG) schmecken lassen. Der Grundkurs katholische Religion mit Lehrer Christoph Willemsen beteiligte sich am Tecklenburger Gespräch. Die Jugendlichen boten Getränke und selbstgemachtes Fingerfood an und freuten sich über Spenden für ihre Abikasse.
Wie mit der Situation bei weltpolitischen Krisenherden umzugehen ist, war Thema zum Ende von Dr. Jochen Reidegelds Vortrag. „Kirche muss Unrecht klar beim Namen nennen, eine wahrnehmbare Stimme sein und ein Stoppzeichen setzen“, meinte der Referent beispielsweise zur Rolle der Christen im Irankrieg. Krieg benannte auch schon Papst Franziskus „immer als eine Niederlage der Menschheit“. Friedensarbeit vor Ort sei „eine Stärke der Religionen“, deren wichtige Ressource „ein Beitrag zur Versöhnung“ sein müsse.
Verteidigungsfähigkeit sei für den Referenten „eine legitime Maßnahme“, doch Beteiligte müssten „immer die Friedensperspektive offen halten“. Gerade auch im Dialog mit den anwesenden Schülerinnen und Schülern vom GAG geriet abschließend noch die Fragestellung zur Wiedereinführung der Musterung von jungen Männern in der Bundesrepublik in den Fokus – auch mit Blick auf die Frage der Gleichstellung von Frauen.
Zum Herbst setzen die Tecklenburger Gespräche ihre Vortragsreihe nach einer halbjährigen „Oster- und Sommerpause“ fort. Am Donnerstag (17. September) um 19.30 Uhr ist Prof. Dr. Hilke Bertelsmann bei der evangelischen und katholischen Kirchengemeinde zu Gast und spricht über „Spuren der Bibel in Astrids Lindgren Werk“.
(Ig)





